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Hintergrund­infos zu ACTA

1. Kri­tik­punkt: ACTA sei von den teil­neh­men­den Staa­ten in­trans­pa­rent und un­de­mo­kra­tisch hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren aus­ge­han­delt wor­den.

Für die Eu­ro­päi­sche Uni­on (EU) hat die EU-Kom­mis­si­on das Ab­kom­men ver­han­delt. Das Man­dat da­für hat sie von den de­mo­kra­tisch ge­wähl­ten Re­gie­run­gen der EU-Staa­ten be­kom­men. Wäh­rend der lau­fen­den Ver­hand­lun­gen wur­de die EU-Kom­mis­si­on durch das eben­falls de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Eu­ro­päi­sche Par­la­ment kon­trol­liert: so­wohl durch An­fra­gen, Re­so­lu­tio­nen und De­bat­ten im Ple­num als auch durch den zu­stän­di­gen Au­ßen­han­dels­aus­schuss. Letz­te­rer hat mit den Ver­hand­lungs­füh­rern und dem zu­stän­di­gen EU-Kom­mis­sar re­gel­mä­ßig über den Ver­hand­lungs­stand und die ge­äu­ßer­ten Sor­gen vie­ler Bür­ge­rin­nen und Bür­ger dis­ku­tiert und ent­spre­chen­de For­de­run­gen für die wei­te­ren Ver­hand­lun­gen ge­stellt. ACTA wird nicht als bü­ro­kra­ti­sche „Hin­ter­zim­mer­ge­burt“ fern­ab der Öf­fent­lich­keit in Kraft tre­ten. Erst wenn das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment und die na­tio­na­len Par­la­men­te der EU-Staa­ten in öf­fent­li­chen Sit­zun­gen grü­nes Licht für ACTA ge­ben soll­ten, kann es tat­säch­lich an­ge­wen­det wer­den.

ACTA ist kein ge­hei­mes Ab­kom­men:

Der end­gül­ti­ge Ver­trags­text von ACTA ist in al­len Amts­spra­chen der EU ver­füg­bar. Die deut­sche Ver­si­on ist un­ter http://register.consilium.europa.eu/pdf/de/11/st12/st12196.de11.pdf  ab­ruf­bar. Zu­dem stellt die Eu­ro­päi­sche Kom­mis­si­on um­fang­rei­ches In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al in eng­li­scher Spra­che un­ter http://ec.europa.eu/trade/creating-opportunities/trade-topics/intellectual-property/anti-counterfeiting/ zur Ver­fü­gung.

Rich­tig ist, dass die ein­zel­nen Ver­hand­lungs­run­den von ACTA nicht öf­fent­lich wa­ren, son­dern ver­trau­lich ge­führt wur­den. Aber: Ver­hand­lun­gen von in­ter­na­tio­na­len Ver­trä­gen wer­den re­gel­mä­ßig nicht öf­fent­lich ge­führt. Das Ver­fah­ren im Fal­le von ACTA war al­so ganz nor­mal und ge­ra­de kein Son­der­fall, son­dern ent­spricht der gän­gi­gen Pra­xis für in­ter­na­tio­na­le Ver­hand­lun­gen. Die EU-Kom­mis­si­on hat je­doch die Öf­fent­lich­keit nach je­der der elf Ver­hand­lungs­run­den über den ak­tu­el­len Ver­hand­lungs­stand un­ter­rich­tet. Die­se Be­rich­te sind auch un­ter der o.a. Web­site ab­ruf­bar.

Er­lau­ben Sie mir in die­sem Zu­sam­men­hang noch ei­ne An­mer­kung zum Ver­hal­ten un­se­res fran­zö­si­schen Kol­le­gen Ka­der Arif (so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Frak­ti­on), der als Be­richt­erstat­ter des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments zu ACTA sei­ne Be­richt­erstat­ter­schaft am 26.01.2012 un­ter an­de­rem un­ter Ver­weis auf die an­geb­li­che In­trans­pa­renz des Ver­fah­rens zu­rück­ge­ge­ben hat. Zum ei­nen wur­de er erst nach Ab­schluss der Ver­trags­ver­hand­lun­gen als Be­richt­erstat­ter be­stimmt. Er über­nahm die­se Auf­ga­be al­so be­reits in vol­ler Kennt­nis des Ver­fah­rens und der In­hal­te des ab­ge­schlos­se­nen Ab­kom­mens­tex­tes. Zum an­de­ren war er es, der maß­geb­lich auf die Ver­schie­bung ei­ner be­reits in der Ta­ges­ord­nung vor­ge­se­he­nen Aus­spra­che im Au­ßen­han­dels­aus­schuss des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments zu ACTA En­de 2011 hin­ge­wirkt hat. Mir er­scheint da­her Herrn Arifs Be­grün­dung vor­ge­scho­ben und nur un­ter Be­rück­sich­ti­gung sei­nes star­ken En­ga­ge­ments in der ge­gen­wär­ti­gen hei­ßen Pha­se des fran­zö­si­schen Prä­si­dent­schafts­wahl­kamp­fes er­klär­bar.

Ziel der CDU/CSU Grup­pe im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment ist es, durch ei­ne zeit­na­he und öf­fent­li­che Be­fas­sung des zu­stän­di­gen Aus­schus­ses mit die­sem The­ma ein­ge­hend auf die ge­äu­ßer­ten Be­den­ken zahl­rei­cher Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ein­zu­ge­hen und ggf. noch­mals den un­ab­hän­gi­gen Rechts­dienst des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments mit der An­ge­le­gen­heit zu be­fas­sen.

2. Kri­tik­punkt: ACTA sei das En­de des frei­en In­ter­nets durch an­geb­lich dar­in ent­hal­te­ne In­ter­netsper­ren und sei da­mit ein mas­si­ver Ein­griff in die Mei­nungs­frei­heit. Un­ter an­de­rem des­halb sei ACTA mit den Ver­trä­gen und sons­ti­gen Rechts­ak­ten der EU (so­ge­nann­ter ac­quis com­mu­n­au­taire) nicht ver­ein­bar.

ACTA sieht ge­mäß Ver­trags­text kei­ne In­ter­netsper­ren vor. Au­ßer­dem steht ACTA im Ein­klang mit dem der­zei­ti­gen Har­mo­ni­sie­rungs­ni­veau be­tref­fend der Durch­set­zung von Rech­ten des geis­ti­gen Ei­gen­tums, dem Re­gu­lie­rungs­rah­men für die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on und nicht zu­letzt mit den ein­schlä­gi­gen EU-Re­ge­lun­gen zum Da­ten­schutz und zur Pri­vat­sphä­re. Die EU-Kom­mis­si­on sagt zu­dem ein­deu­tig, dass ACTA mit den eu­ro­päi­schen Ver­trä­gen und dem gel­ten­den EU-Recht voll ver­ein­bar ist. ACTA wird al­so nichts an den gel­ten­den Ge­set­zen der EU än­dern.

Dies al­les hat der Rechts­dienst des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments in zwei vom Au­ßen­han­dels­aus­schuss (INTA) und vom Rechts­aus­schuss (JURI) be­auf­trag­ten Rechts­gut­ach­ten ein­deu­tig be­stä­tigt. Bei­de Gut­ach­ten sind auch im In­ter­net ver­füg­bar un­ter http://lists.act-on-acta.eu/pipermail/hub/attachments/20111219/59f3ebe6/attachment-0010.pdf (Rechts­gut­ach­ten des Le­gal Ser­vice für den JURI ab S.1 und für den INTA ab S. 9).

Fast ge­bets­müh­len­ar­tig wie­der­holt der zu­stän­di­ge Au­ßen­han­dels­kom­mis­sar Ka­rel De Gucht, dass sich für die Bür­ger in Eu­ro­pa nichts än­dert – an die­ser Aus­sa­ge wer­den wir die Kom­mis­si­on bei der Um­set­zung von ACTA in Eu­ro­pa mes­sen. Um­ge­kehrt stellt ACTA si­cher, dass die Un­ter­zeich­ner­staa­ten ge­gen ge­fälsch­te Mar­ken­ar­ti­kel vor­ge­hen, un­ter de­nen heu­te vie­le Un­ter­neh­men in Eu­ro­pa lei­den. We­gen den in Mil­li­ar­den­um­fang ge­han­del­ten ge­fälsch­ten Pro­duk­ten und der stän­di­gen Ver­let­zung des geis­ti­gen Ei­gen­tums sind in Eu­ro­pa be­reits tau­sen­de Ar­beits­plät­ze ver­lo­ren ge­gan­gen oder gar nicht erst ent­stan­den. Wir müs­sen et­was tun, um hier un­se­re In­ter­es­sen durch­zu­set­zen: ACTA ist ein Bau­stein, der bei­spiels­wei­se da­bei hilft, dass eu­ro­päi­sche Mo­de­de­si­gner, Künst­ler oder Au­to­mo­bil­her­stel­ler ih­re Rech­te aus­rei­chend ge­schützt wis­sen, wenn sie sich mit der Fäl­schung ih­rer Pro­duk­te au­ßer­halb Eu­ro­pas kon­fron­tiert se­hen. Wir „ex­por­tie­ren“ al­so durch ACTA eu­ro­päi­sche Stan­dards und im­por­tie­ren nicht aus­län­di­sches Recht.

3. Kri­tik­punkt: ACTA wür­de ei­ne re­pres­si­ve Rechts­durch­set­zung mit­tels der In­ter­net­pro­vi­der vor­an­trei­ben, wäh­rend die Rech­te der Nut­ze­rin­nen und Nut­zer nicht in glei­chem Ma­ße be­rück­sich­tigt wür­den.

ACTA wird nicht die Rol­le von In­ter­net­pro­vi­dern än­dern und über sie ei­ne Rechts­durch­set­zung vor­an­trei­ben. Das Ab­kom­men ent­spricht in die­sem Punkt gel­ten­dem eu­ro­päi­schem Recht. Ins­be­son­de­re die Richt­li­nie über den elek­tro­ni­schen Ge­schäfts­ver­kehr (2000/31/EC), wel­che seit 2000 in Kraft ist, schreibt vor, dass In­ter­net­pro­vi­der kei­ne all­ge­mei­ne Über­wa­chungs­pflicht hin­sicht­lich der von Ih­nen über­mit­tel­ten In­for­ma­tio­nen ha­ben. Dies wird sich auch durch ACTA nicht än­dern. Im AC­TA-Ab­kom­men geht es al­so nicht um die Kon­trol­le oder Über­wa­chung pri­va­ter In­ter­net­kom­mu­ni­ka­ti­on oder die Zen­sur von Web­sites. Ziel ist es, ein­schlä­gi­gen Rechts­ver­let­zun­gen im di­gi­ta­len Um­feld ent­ge­gen­zu­wir­ken. Durch ACTA wer­den kei­ne neu­en Rech­te des geis­ti­gen Ei­gen­tums, ins­be­son­de­re des Ur­he­ber­rechts, ge­schaf­fen. Statt­des­sen wird nur das im je­wei­li­gen Land fest­ge­leg­te Ur­he­ber­recht von den Un­ter­zeich­ner­län­dern von ACTA durch­ge­setzt.

Im AC­TA-Ab­kom­men geht es dar­um, wie Un­ter­neh­men und Pri­vat­per­so­nen vor Ge­richt, an den Gren­zen oder per In­ter­net ih­re Rech­te durch­set­zen kön­nen. Der ver­bes­ser­te Zu­gang zu Jus­tiz, Zoll und Po­li­zei kommt je­dem In­ha­ber von Rech­ten des geis­ti­gen Ei­gen­tums, vom Buch­au­tor bis zum Ei­gen­tü­mer von Un­ter­hal­tungs­soft­ware, zu­gu­te, der sei­ne Rech­te ge­gen Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen oder sons­ti­ge Ver­let­zun­gen durch­set­zen muss.
In der Prä­am­bel des ACTA Ab­kom­mens wird noch­mals be­tont, dass die Ver­trags­par­tei­en be­ab­sich­ti­gen „das Pro­blem der Ver­let­zung von Rech­ten des geis­ti­gen Ei­gen­tums, ein­schließ­lich im di­gi­ta­len Um­feld er­fol­gen­der Rechts­ver­let­zun­gen, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf das Ur­he­ber­recht und ver­wand­te Schutz­rech­te so zu lö­sen, dass die Rech­te und In­ter­es­sen der je­wei­li­gen Rech­te­inha­ber, Dienst­leis­ter und Nut­zer mit­ein­an­der ins Gleich­ge­wicht ge­bracht wer­den“.

Die Kam­pa­gne ge­gen ACTA, wie sie zur­zeit in der Öf­fent­lich­keit ge­führt wird, ba­siert mas­siv auf Fehl­in­for­ma­tio­nen statt auf sach­li­chen Ar­gu­men­ten ge­gen den ei­gent­li­chen Text des Ab­kom­mens. Das Des­in­ter­es­se ei­ni­ger Ak­teu­re an der Durch­set­zung gel­ten­den Ur­he­ber­rechts im In­ter­net soll­te hier­bei nicht un­ter­schätzt wer­den. Denn ACTA dient in ers­ter Li­nie der Be­kämp­fung von Ur­he­ber­rechts­ver­let­zun­gen im gro­ßen Stil, wie sie oft von kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­tio­nen und In­ter­net­platt­for­men be­gan­gen wer­den, de­ren Ge­schäfts­mo­dell auf den Upload von ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ten In­hal­ten ab­zielt.